Article en la Neues Deutschland d’Alemanya “Gegen die Welt, die Stromleitungen braucht”

In Katalonien wehren sich Bewohner und Aktivisten gegen den Bau von Hochspannungsleitungen

Durch Europa wird ein Netz von Hochspannungsleitungen für den Stromhandel gebaut. In Katalonien leistet die Bevölkerung Widerstand.

»Höhere Türme sind gefallen« ist der Name des neuesten Blogs einer Bewegung, die in Katalonien wieder an Fahrt gewinnt. Die Türme, um die es geht, tragen Kabel, die mit einer Spannung von 400 000 Volt Strom transportieren und so vor allem das spanische Netz mit dem französischen verbinden sollen. Die Leitung wird kurz MAT genannt, was für »sehr hohe Spannung« steht.

In der Provinz Girona, in der die gleichnamige Stadt liegt, wird nun das letzte Teilstück und eine Abzweigung in Angriff genommen. »Hier ist fast niemand dafür«, sagt Albert Saus vom Protestbündnis »No a la MAT Girona«. »Aber die Leute sind entmutigt. Es ist so ein großes Projekt, und nach der Erfahrung mit dem ersten Teilstück sehen sie es als unbesiegbar an.« Vor wenigen Jahren wurde das südlicher gelegene Teilstück gebaut, obwohl sich die Bevölkerung lange dagegen gewehrt hatte: Zu Demonstrationen kamen jeweils etliche tausend Menschen, und bei einer Waldbesetzung verschanzten sich Aktivisten auf hoch liegenden Plattformen in den Bäumen und in Tunneln.

Nun geht es um die letzten Kilometer vom westlich der Stadt Girona gelegenen Bescanó bis kurz vor Figueres. Von dort bis nach Frankreich ist die Leitung schon fertig. Wie die katalanische Tageszeitung »Ara« Ende September schrieb, will die privatisierte Netzgesellschaft REE bis Ende des Jahres 75 der 115 auf diesem Abschnitt nötigen Strommasten errichtet haben. Alle 500 Meter solle einer stehen, und mit 95 Prozent der zu enteignenden Grundstückseigentümer sei schon Einigkeit erzielt worden. Zwischen 55 und 80 Meter hoch seien die Türme, einer sogar 90 Meter, sagt Albert Saus.

Foto: Ralf Hutter

Vor einem von Anti-MAT-Aktivisten besetzten Haus in Katalonien steht ein stilisierter Strommast.
Foto: Ralf Hutter

Es geht um den Markt

Der 34-Jährige gehört zu denen, die sich gegen eine Enteignung wehren. Sein ganzes Leben hat er im Dorf Viladasens verbracht. Das ist nicht von der Verbindung nach Frankreich betroffen, sondern von einer Abzweigung, die den Strom Richtung Küste verteilen soll. Doch dass die MAT zu ihrem Wohl gebaut wird, ziehen hier sehr viele Menschen in Zweifel. »Die Leute hier in Girona wissen, dass die MAT nicht für sie ist, dass es um die Vermarktung zwischen Ländern und Oligopolen geht«, sagt Saus. Die Regierung Kataloniens gibt selbst an, dass es um den Stromexport geht, wie er von der EU – die, zusammen mit der Europäischen Investitionsbank, hunderte Millionen Euro an Subventionen und Krediten für die MAT gegeben hat – europaweit vorgesehen ist. Sie rechtfertigt die MAT zum einen mit dem Hochgeschwindigkeitszug, der Barcelona mit Paris verbindet. Der verkehrt zwar schon, doch könne er mit einer nahen 400-Kilovolt-Leitung schneller und häufiger fahren. Zum anderen geht es, mit Hinweis auf Stromausfälle in der Region, um die Versorgungssicherheit. An der ändert diese »Stromautobahn« aber nichts, wenn die lokale Infrastruktur marode ist, entgegnet Saus. Und der Verbrauch sei hier, wie in ganz Spanien, ohnehin wegen der jahrelangen Wirtschaftskrise im hohen zweistelligen Prozentbereich zurückgegangen.

Begünstigung von Amtsträgern

Die No-a-la-MAT-Bewegung hat, neben der Kritik an der Veränderung des Landschaftsbildes und der Umweltzerstörung, mehrere Sicherheitsbedenken. Darüber hinaus kritisiert sie, dass Bürgermeister und andere Amtsträger mit Kontakten ins katalanische Parlament zu ihren Gunsten Streckenänderungen bewirkt haben.

Die vom regierenden Parteienbündnis CiU geführten Dörfer seien, als die Partei noch in der Opposition war, gegen die MAT gewesen, sagt Saus. Heute hielten die Bürgermeister still. »Die jetzige Route macht wenig Sinn«, klagt der Aktivist. »Sie ist länger, kreuzt zweimal die Autobahn und mehrmals die bestehende 130-Kilovolt-Leitung. An einem Haus geht sie in 17 Meter Entfernung vorbei, an einem anderen 45 Meter, obwohl die Regionalregierung versprochen hatte, die Leitung würde nicht weniger als 100 Meter an einzelnen Häusern und 500 Meter an Ortskernen vorbeigehen.« Diese Werte sind aber nicht gesetzlich vorgeschrieben. Laut Saus besagt das entsprechende Gesetz aus den 1960er Jahren, dass Leitungen von 400 kV in sieben Metern Entfernung von einem Haus gebaut werden dürfen. »Die sieben Meter sind das Minimum, damit es bei Feuchtigkeit nicht zu Entladungen kommt«, sagt Saus. »No a la MAT Girona« verlinkt in seinem Blog ein Dutzend Studien, die eine Gefährlichkeit von nahen Hochspannungsleitungen nahelegen. Mitspracherechte wie im angrenzenden Teil Frankreichs, wo die MAT auf den Druck der Bevölkerung unterirdisch verlegt worden sei, habe es hier nicht gegeben, klagt die katalanische Bewegung.

Aktivisten besetzen Landhaus

Nun gibt es wie auch beim Bau des ersten Teilstücks direkte Aktionen bis hin zu Sabotageakten auf Baustellen. Ein Aktionscamp Ende August führte zur Besetzung eines verfallenen Landhauses in der Nähe von Viladasens. Saus wählt einen Schleichweg über etliche Felder, um das besetzten Landhaus zu erreichen. Die Polizei ist in der ganzen Gegend stark präsent und führt zum Teil langwierige Kontrollen durch. Aus welchem Grund, und was sie dabei gefunden hat, will die Pressestelle gegenüber »nd« nicht sagen.

Das Haus wurde zu einem Anziehungspunkt für Menschen aus verschiedenen Ländern, die hier eine Zeit lang die Bewegung unterstützen. Als Saus bei ihm ankommt, trifft wir nur einen Neuankömmling, der sich gegenüber der Presse bedeckt hält. Alle anderen sind unterwegs auf Aktionen. Von hier aus wird sowohl das eingangs erwähnte Blog bestückt, der ständig aktualisiert wird und teilweise in ein halbes dutzend Sprachen übersetzt wurde, als auch die Verbindung mit ähnlichen Kämpfen in der ganzen Welt gesucht. Die Aktivitäten hier und in den umliegenden Dörfern richten sich »gegen die MAT und die Welt, die sie nötig hat«. Die gesamte Anti-MAT-Bewegung wendet sich gegen das auch in Spanien bestehende Oligopol einer Handvoll Stromkonzerne mit viel politischer Macht und fordert eine Dezentralisierung der Stromerzeugung.

Vor dem Eingang steht ein gebastelter Stromturm, auf dem Puppen sitzen, die ihn mit Werkzeug kaputt schlagen wollen. Die Türme sollen fallen.

Enllaç Neues Deutschland

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